Donnerstag, 10. November 2011

Wenn Worte meine Sprache wären

Rot vom Blut
Am Tag, an dem mein Vater starb und ich zur Millionärin wurde, schneite es.  Es fiel in dicken, weichen Flocken vom Himmel, legte sich auf das Gras, auf die welken Blätter und die kahlen Äste, es begrub meinen Vater unter sich und er färbte die Flocken rot vom Blut. Der Schnee wusch meine Spuren weg und sie haben mich nicht gefunden, denn niemand hatte mich gesehen. Und sie werden mich nicht finden, denn es schneite an diesem Tag. An diesem Tag schneite es und niemand hatte mich gesehen.                                                                                                                                                                                     Ich ging zu meinem Vater an diesem Tag und es schneite. Meine Schritte klangen dumpf auf dem weißen Asphalt, ich hörte mein Herz klopfen, es klang ruhig und regelmäßig wie immer, ein feuchtes Pochen, feucht vom Blut.  Ich lauschte meinem Kopf, der Stimme, die darin schrie und mir Bilder zeigte. Mein Bruder, sein Sarg, vernagelt, weil niemand ihn hatte sehen dürfen, ich hatte ihn nicht mehr gesehen. Meine Mutter hatte geweint, aber mein Vater hatte geschwiegen und ich auch. Er hatte geschwiegen und gezahlt und das Auto auf den Schrottplatz bringen lassen, damit es niemand mehr sehen musste, genau wie meinen Bruder. Geschwiegen und gezahlt, das konnte er immer am besten. Und ich hatte geschwiegen, weil niemand meine Stimme hören wollte. Geschwiegen hatte ich auch, als ich den Tod gesehen hatte, er hatte vor mir im Bett gelegen in der Gestalt meiner Mutter, aber es war nicht meine Mutter gewesen, die da vor mir im Bett gelegen hatte. Und mein Vater hatte geschwiegen, genau wie ich und sein Schweigen hatte so viel mehr gesagt als Worte es gekonnt hätten. Nur der Tod, der hatte nicht geschwiegen, der hatte geatmet, ganz laut und rasselnd und irgendwann hatte er einfach aufgehört, aber meine Mutter war trotzdem nicht zurückgekommen. Ich hatte gewollt, dass ihre Gestalt, die vor mir im Bett gelegen hatte, die Augen wieder aufschlug, damit ich darin meine Mutter sehen konnte, aber das tat sie nicht, denn sie war nicht mehr bei uns. Stattdessen hatte mich mein Vater angeblickt, direkt in meine Augen hatte er geblickt und er hatte gesagt: „Nur du bist mir noch geblieben. Nur du“, das hatte er gesagt, bedauernd und traurig, so hatte er geklungen. Er wollte mich nicht, das wusste ich. Meine Mutter hatte er gewollt und meinen Bruder auch, so viel mehr als mich. Und das Geld wollte er auch, er wollte es so sehr, dass ich es nicht bekommen sollte, weil er mich nicht wollte. Nein, bekommen sollte es jeder, nur nicht ich, obwohl es mir zustand. Spenden hatte er gesagt, spenden, weil man das tut, wenn man ein guter Mensch ist. Aber mein Vater war kein guter Mensch und deshalb spendete er. Amtlich war es noch nicht, aber das sollte es werden und das musste ich verhindern, wenn ich nicht verlieren wollte und ich wollte nicht verlieren, also musste ich mir nehmen, was mir zustand. Das schrie mein Kopf an dem Tag, an dem mein Vater starb und ich bekam, was ich wollte. Es schneite an diesem Tag, so still, so friedlich, ruhig und regelmäßig, wie mein Herzschlag war an diesem Tag.  Ich ging wie der Schnee, so still, so friedlich, ruhig und regelmäßig, aber in meinem Kopf, da brannte ich, in meinem Kopf, dem einzig sicheren Ort auf dieser Welt, weil mich darin niemand hören konnte und sehen auch nicht und ich war wie mein Kopf, denn niemand sah mich wirklich. Sie sahen mich, wie sie den Schnee sahen, ruhig und friedlich.                                                                                                                                                                                   Und so ging ich durch den Schnee an diesem Tag, wie die Leute mich sahen, so ging ich zu meinem Vater und es war ein schöner Tag, an dem die Menschen in ihren Häusern blieben, müde und mit einem Kater von der letzten Nacht noch, so verbrachten sie den Start eines neuen Jahres. Aber ich nicht, denn ich feierte den Anfang meines neuen Lebens in meinem Kopf, alleine, wie immer, aber triumphierend, weil ich wusste, dass es mir gelingen würde. Ich ging zu meinem Vater und drückte die Klingel und ich freute mich, dass ich das hässliche, schrille Ringen zum letzten Mal hören musste. Mein Vater war nicht müde und er hatte auch keinen Kater vom Alkohol, als er mir die Tür öffnete, er war enttäuscht, dass ich vorbeikam. „Du bist es“, sagte er und er ließ mich ein, während ich mir in meinem Kopf ausmalte, wie viele Stunden er noch hatte auf dieser Welt, bevor er wieder bei meiner Mutter und bei meinem Bruder war, die er so sehr mehr liebte als mich, die ich ihn nicht verlassen hatte. Ich trat ein in das große Haus, das einmal mein Dach gewesen war, aber nie mein Zuhause und schüttelte mir den Schnee von der Mütze, er fiel still und friedlich zu Boden. „Zieh die Stiefel aus“, befahl mir mein Vater und ich tat, was er von mir wollte, obwohl mein Vater niemals das tat, was ich von ihm wollte und es war auch seine eigene Schuld gewesen, dass er starb, denn wenn er mir gegeben hätte, was ich wollte, dann hätte ich es mir nicht nehmen müssen. Deshalb hängte ich meinen Mantel an den Mantelständer, den großen, eisernen, den mein Vater meiner Mutter zum Hochzeitstag geschenkt hatte und ging durch den weiten, kalten Flur in das Wohnzimmer, in dem ein Feuer prasselte, als ob es versuchte, Wärme in dieses kalte, abweisende Haus zu bringen, aber es war eine oberflächliche Wärme, sie wärmte nur die Hände, nicht aber das Herz. Ich setzte mich auf das große Sofa und mein Vater ließ sich in dem alten Sessel nieder, in dem er schon immer gesessen hatte, auch als ich noch ein Kind war und zu ihm aufgeblickt hatte. Aber jetzt war ich kein Kind mehr und ich begegnete ihm auf Augenhöhe, doch mein Vater schien das nicht wahrzunehmen. Ich schwieg, weil es nicht meine Aufgabe war, etwas zu sagen, wenn doch meine Stimme unerwünscht war in diesem Haus, deshalb schwieg ich, bis mein Vater anfing zu reden. „Bist du gut ins neue Jahr gekommen?“, fragte er mich. „Ich war aus. Und du?“ Ich versuchte, meine Antworten so kurz wie möglich zu halten. „Ich habe geschlafen. Mit wem warst du denn aus?“ Ich wusste, dass ihn das eigentlich nicht interessierte und er nur aus seiner Höflichkeit heraus fragte, aber ich antwortete ihm trotzdem, obwohl ihn das nicht interessierte: „Alleine. Ich war in einer Bar um der Ecke.“ „Ich möchte nicht, dass du dich in Bars herumtreibst.“ Seine Antwort kam prompt und ich war plötzlich wieder seine Tochter, die sich dort herumtrieb, wo er es nicht wollte, weil ich seinen guten Namen beschmutzte, wenn man mich dort sah und sein guter Name war ihm wichtiger als seine Tochter, die er nicht wollte und die er zu verdrängen versuchte. „Willst du einen Spaziergang machen, Papa?“, fragte ich, weil ich nicht mehr warten wollte. Er wollte, das große Haus drückte ihn ein, wenn ich bei ihm war und er brauchte mehr Platz zwischen uns und mehr Luft, die ich nicht atmete. Ich trat hinaus aus diesem Haus und ich atmete aus, es schneite und der Schnee fiel in dicken, weichen Flocken auf meine Schulter und meine Haare, die durch die Mütze auf meine Schultern hinabfielen. Ich atmete aus und war meinem Ziel einen weiteren Schritt näher gekommen, es war in Sichtweite für mich und er ahnte nichts davon, er ahnte nichts davon, weil er schwach war und sein Leben keine Millionen wert. Er folgte mir, weil er nichts ahnte, er trat hinaus in den frischen Schnee und seine Schritte knirschten, ein hässliches, lautes Geräusch und er schimpfte über das verdammte Wetter während er durch den Schnee knirschte und mein Herz schlug ruhig und regelmäßig und die Flocken fielen im Takt dazu. Ich ging auf den Wald zu, der sich hell und weiß hinter dem großen Haus erstreckte, meine Schritte klangen dumpf auf dem weißen Stein und mein Herz schlug regelmäßig, während mein Vater mir folgte. Der Schnee würde meine Spuren wegwaschen und niemand würde mich finden. Ich stellte mir vor, wie es wäre, in meinem Kopf, wenn der Schnee meine Spuren wegwüsche und niemand mich fände, während ich auf den Wald zuging und mein Vater mir folgte. „Renn doch nicht so“, sagte mein Vater und ich verlangsamte meine Schritte. Ich war ihm nicht geheuer, das sah ich in seinem Blick. „Wieso willst du denn in den Wald?“, fragte er. „Es ist doch schön dort“, sagte ich und ich verzog keine Miene, aber in meinem Kopf, da brannte ich, in meinem Kopf, aber das sah er nicht, er sah mich nur wie den Schnee, still und friedlich und so wie ich ging, so ruhig, so regelmäßig, wie mein Herzschlag. Und ich verlangsamte meine Schritte, sodass er neben mir ging und wir auf Augenhöre waren, als wir im Wald waren und er ahnte immer noch nichts, er schwieg, weil das am Einfachsten war, einfacher, als so zu tun, als wollte er mich, und ich schwieg auch, weil ich das schon immer getan hatte. Mein Herz schlug ruhig und regelmäßig und so ging ich auch. Der Wald war weiß und still und friedlich und der Schnee fiel immer schneller und dicker und ich wusste, dass die Zeit meines Vaters abgelaufen war, aber ich wollte es wissen, bevor ich entscheiden musste. Ich sag ihm direkt in die Augen und hielt seinen Blick fest. „Hältst du mich für verrückt, Papa?“, fragte ich und er blickte zurück, weil ich ihn mit meinem Blick festhielt und er antwortete: „Natürlich nicht, Liebes“, aber ich kreuzte die Finger, weil man die Besten Lügen mit gekreuzten Fingern erzählen muss und ich nickte. Wir standen direkt unter einem Baum, mein Herz schlug ruhig und regelmäßig und der Schnee fiel dick und schnell, als ich einen großen Eiszapfen abbrach und meinem Vater gegen die Stirn schlug und das Eis splitterte, als es gegen das Fleisch traf, die Haut platzte auf genau wie seine Miene und er fiel in den Schnee und das Eis war gesplittert. Es tropfte rot auf den weißen Schnee, rot vom Blut, und die dicken Flocken begruben meinen Vater unter sich. Es würde schnell gehen, verbluten würde er, oder erfrieren, nach so langer Zeit des Lebens stirbt man in einem einzigen Moment.  Ich sah auf ihn herab und mein Herz schlug ruhig und regelmäßig, weil ich wusste, dass ich bekommen würde, was ich wollte, und ich drehte mich um und ging und der Schnee wusch meine Spuren weg. Es schneite an diesem Tag und niemand hatte mich gesehen.                                                                                        Sie fanden meinen Vater erst, als es taute. Niemand hatte ihn vermisst, aber als man ihn fand, kamen sie als erstes zu mir und sprachen ihr Beileid aus, obwohl niemand ihn vermisste. Ich erzählte ihnen, er wäre oft spazieren gegangen im Wald und sie glaubten mir, obwohl ich nicht die Finger kreuzte und sie hielten es für einen Unfall, einen tragischen zwar, aber einen Unfall, denn meine Hände waren nicht rot von seinem Blut und weil er noch nichts amtlich gemacht hatte, erbte ich seine Millionen, weil ich als einzige Familienangehörige in seinem Testament stand. So bekam ich was mir zustand, denn es stand mir zu, und er war selbst schuld daran, dass er sterben musste, weil er mich nicht wollte. Hätte er mir gegeben, was ich wollte, hätte ich ihn leben gelassen, denn sein Leben war im Gegensatz zu meinem keine Millionen wert, aber er wollte mich nicht, deshalb musste er sterben. Ich habe es nie bereut. Die Jahre vergingen, die Millionen blieben und ich lebte weiter. Er hielt mich für verrückt, aber ich lebte weiter und er nicht und jetzt habe ich gewonnen.

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